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Archive für 24.11.2009
Eine Geschichte von Enzian Schnaps
24.11.2009 von karl.
Wir Kinder hatten Schulferien. Damals 1956 fingen die Schulferien schon Ende Mai an und endeten Ende September. Am 1. Oktober fing die Schule wieder an. Ich kann mir vorstellen, dass unsere Kinder heute uns beneiden, denn heutzutage gibt es nicht mehr so lange Schulferien. Allerdings mussten viele Kinder auf den Bauernhöfen mitarbeiten, und nur wenige konnten ans Meer fahren. Auch finanziell konnten es sich viele nicht leisten, in Urlaub zu fahren, so auch ich. Aber ich durfte mit meinem Onkel Hermann in seinem 1100er Fiat mitfahren, wenn er nach Meran, Bozen oder ins Ultental gefahren ist. Heinrich, mein Schulfreund und der Sohn von meiner Cousine, war 1 Jahr jünger als ich. Ich sagte immer Heini zu ihm, und so ist es auch heute noch. Wir waren fast immer zusammen, nur wenn ich meine Lumpereien ausführte, wie zum Beispiel den Bauern das Wasser abzuleiten, war ich allein. Mein Onkel Hermann hatte eine neue Firma gegründet, und zwar eine Schnapsbrennerei. Dabei brauchte man Materialien wie Kranewitbeeren (Wacholder), Enzianwurzen, Marillen (Aprikosen), Zwetschgen (Pflaumen), und Weintrebern.
Nun erzähle ich die Geschichte, wie man damals einen Enzianschnaps hergestellt hat. Heute ist es strengstens verboten, weil die Enzianblume unter Naturschutz steht.
Es war 5 Uhr morgens, als meine Mutter mich weckte. Ich war sofort wach, obwohl ich ein Langschläfer war und heute noch bin. Onkel Hermann und Heini warteten schon in der Stube. Ich machte mich schnell fertig und frühstückte kurz, während meine Mutter alles zusammenpackte. Der Ausflug sollte eine Woche dauern. Ein kurzer Abschied und wir waren fort. Mein Onkel hatte einen umgebauten Fiat 1100, hinten mit einer Pritsche. Damals gab es nicht viele Autos, und wer damals ein Auto besaß, gehörte schon zu den Oberen. Wir fuhren nach Meran, Lana und dann ins Ultental. Die Straße war sehr eng und hinter Pankratz ging nur noch eine Schotterstraße nach St. Gerdtraud. Das Wetter war nicht besonders, die Wolken hingen bis ins Tal und es war kühl. Wir übernachteten in dem einzigen Gasthaus, das es damals gab. Heute gibt es mehrere Gasthäuser und Pensionen. Am nächsten Tag standen wir sehr früh auf, denn wir mussten auf den Berg. Wir packten uns als Proviant Käse, Speck, Brot, Aranciata und Himbeersaft in einen Graskorb. Graskörbe waren geflochtene Weidenkörbe, die man auf dem Rücken trug. Zuerst ging es eben entlang bis zu einem Bauernhof, von wo aus man den Bergwald hinaufgeht. Auf diesem Weg, schon gleich am Anfang, gibt es drei Lärchen die so dick waren, dass es drei Leute brauchte, um den Baum zu umringen. Nach Schätzungen müssen sie über tausend Jahre alt sein, wenn nicht mehr! Bei einem konnte man sogar in den Stamm rein gehen.
Wir wanderten weiter, und nach zwei Stunden erreichten wir den Platz, wo der gelbe Enzian blühte. Der Onkel zeigte uns, wie wir die Wurzel dieser Pflanze heraus zu ziehen. Nach zwei Stunden hatten wir schon eine Menge zusammen gebracht, und wir machten Mittagspause. Da machten wir eine sehr bittere Erfahrung, und zwar wörtlich genommen, denn diese Enzianwurzen sind furchtbar bitter. Das Brot, die Wurst, Speck und Käse schmeckten bitter, alles, was wir mit den Händen anfassten, schmeckte bitter. Selbst das Abwaschen der Hände half nicht viel, und so verging uns der Appetit. Wir sammelten nachher weiter bis zum späten Nachmittag. Da hatten wir dann unsere Körbe voll, und gingen ins Tal zurück.
Drei Tage lang sammelten wir Enzianwurzen, bis wir das Auto voll hatten, und dann fuhren wir nach Hause. In Staben angekommen, haben wir die Enzianwurzen vom Auto abgeladen und in einen großen Bottich mit Wasser geschüttet, um sie sauber zu waschen. Nach dieser Prozedur wurden die Wurzen am Boden ausgelegt, um zu trocknen. Am nächsten Tag wurden sie gehobelt und getrocknet. Nach vier Tagen Trockenzeit wurden die gehobelten Wurzen in einem großen Fass angesetzt, wobei das Fass dreiviertel voll mit Wasser angefüllt wurde. Es wurden ein paar Kilo Zucker zugefügt, um den Gärungsprozess in Gang zu setzten. Nach 14 Tagen Gärungszeit wurde der Maisch in einen Schnapsbrennkessel gefüllt und aufgeheizt. Der Dampf wurde in eine Rohrschlange geleitet, und diese Rohrschlange wurde mit kalten Wasser umspült, damit der Dampf kondensieren konnte.
Was am Ende der Rohrschlange herauskam, war dann 60-prozentiger Enzianschnaps, der kontinuierlich an Prozenten abnahm, bis auf ungefähr 10 Prozent. Meistens probierte man, ob der Schnaps sich entzündet, indem man ein bisschen auf den Gupf schüttete und mit einem Streichholzfeuer anzündete. Erst wenn der Schnaps nicht mehr brannte, wurde der Kessel wieder mit neuem Maisch aufgefüllt. Den Schnaps im Bereich von 40 bis 10 Prozent fügte man wieder bei der Auffüllung des Schnapskessels hinzu. Um Schnaps zu brennen, braucht man eine Lizenz, und wer ohne Lizenz erwischt wird, dem drohen harte Strafen, sogar Gefängnis. Heute gibt es kaum noch echten Enzianschnaps, meistens ist es Verschnitt oder Untergelegt, das heißt, dass man ein paar Enzianwurzen auf den Kesselboden legt und darüber Weintreber auffüllt. Es gibt auch noch andere Verfahren. Das war eine Geschichte aus meiner Kindheit. Mittlerweile sind 45 Jahre vergangen, und auch die Gesetze haben sich geändert. Heute steht der gelbe Enzian unter Naturschutz. Auch viele andere Bergblumen stehen unter Naturschutz, und das ist auch richtig so. Deshalb: Lasst die Blumen dort, wo sie blühen und behaltet sie in Eurer Erinnerung, damit auch andere an der wunderschönen Natur teilhaben können. An dieser Stelle bei den alten Urlärchen sind wir vorbei gegangen.
Gruß Wanderkarl
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Geschrieben in Kultur Brauchtum Geschichten | 1 Kommentar »